Stress und die Implikationen

"Never Morning Wore to Evening but Some Heart Did Break" von Walter Langley (1852–1922)Dauerstress ist bekanntlich alles andere als unbedenklich. Zu den möglichen gesundheitlichen Folgen zählen unter anderem Intelligenzverlust (das bei Stress ausgeschüttete Hormon Cortisol greift die Nervenzellen im Gehirn an, weshalb ausreichende Erholungsphasen wichtig sind), „Hirninfarkt, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Magen-Darm-Geschwüre, Diabetes, erhöhter Cholesterinspiegel, häufige Infektionserkrankungen, Stoffwechselstörungen, Durchfall oder Verstopfung, Tinnitus, Hörsturz, chronische Muskelverspannungen (führen zu chronischen Schmerzen), verringerte Schmerztoleranz, Zyklusstörungen, Unfruchtbarkeit, Impotenz, Allergien, Hautausschlag, Lippenherpes, Schlafstörungen, Asthma.“ (forumgesundheit.at)

Mittlerweile betrifft Stress auch Studenten in immer bedenklicherem Ausmaß, was Meldungen wie diese belegen:

Wen wundert dies, angesichts weithin bekannter gesellschaftlicher Bedingungen, denen junge Menschen in den (eigentlich) besten Jahren ausgesetzt sind:

  • Zuerst dürfen sie als Schüler jahrelang Dinge lernen, deren Bedeutung für sie verständlicherweise oftmals nicht nachvollziehbar ist
  • Zur „Belohnung“ und als Vorgeschmack auf das angeblich notwendigerweise von intensiven Stresssituationen geprägte Erwachsenenalter dürfen sie sich dann vieles nochmals konzentriert für die Matura / das Abitur verinnerlichen
  • Gleich im Anschluss daran – oder auch schon vorher – winken gleich die nächsten, mit teils intensivem Stress verbundenen Hürden: man muss sich unter Berücksichtigung verschlechterter Bedingungen am Arbeitsmarkt für ein möglichst „absicherndes“ Studium oder eine Ausbildung entscheiden und sich mittlerweile meist auf eine Eingangsprüfung/-phase mit ungewissem Ausgang vorbereiten
  • Hat man das Privileg eines Ausbildungsplatzes erreicht, erwarten einen gesteigerte Anforderungen bis hin zu „Aussortierprüfungen“. Man bekommt für seine Leistungen an Universitäten oder anderen Bildungseinrichtungen zwar keine Entlohnung, aber dafür winkt ja das Privileg eines Abschlusses (für den man gerne ggf. auch noch neben der Uniarbeit arbeitet, um sich die Uniarbeit leisten zu können, und sich ggf. einen Kredit aufnimmt, der einen auf viele Jahre hin in Schulden stürzt)!
  • Für den Bachelor, dessen Ansehen einen hauptsächlich zum Weitermachen motiviert, darf man sich bereits nach kurzer Zeit wieder in größerem Umfang beweisen, und für den „Master“ werden jungen Menschen inzwischen Leistungen abverlangt, die einer ehemaligen Doktorarbeit nahekommen (inkl. „Verteidigung der Masterarbeit“).
  • Und das alles, um schlussendlich vor den deutlich gesteigerten Anforderungen und Ungewissheiten des Arbeitsmarktes zu stehen (die oft aber weniger von guter Leistung als von guten Kontakten, gutem Aussehen, Unterwürfigkeit, u.ä. abhängen).

Was sagt dies über eine Gesellschaft und einflussreiche Personen (wie etwa Bildungspolitiker, Professoren, Unternehmer oder sonstige Vorgesetzte) aus? Sind ihnen wirklich die Hände durch internationale Konkurrenz, zu viele Bildungswütige, u.ä. gebunden?

Es gibt sicherlich viele „natürliche“ Gründe für hohe Anforderungen und Stresssituationen. Und kurzzeitiger Stress ist auch nicht so bedenklich wie Dauerstress, kann hingegen sogar produktiv und selbsterhaltend bzw. „selbstbefriedigend“ sein. Aber abgesehen davon, dass man hohe Anforderungen sicherlich oft besser entlohnen könnte (z.B. indem man Studienabgänger zumindest vor ausbeuterischen Unternehmen schützt), zeigt die alltägliche Beobachtung, dass Stress zu verursachen (bei sich selbst und anderen) einerseits ein sozial angelernter, verinnerlichter Wert zu sein und andererseits auf dem Glauben zu beruhen scheint, dass „gute“ Errungenschaften auf harter, unglücklich machender und gesundheitsschädigender Arbeit beruhen.

Man könnte sich hingegen die Frage stellen, ob die schönsten und wichtigsten Dinge im Leben denn nicht auf freiwilligen, ohne Zwang und aus positivem Antrieb vollbrachten Leistungen beruhen (wie z.B. eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen). Und: inwieweit eine Qualitätssteigerung beim Arbeiten (bzw. beim Lehren und Führen) den quantitativen Aufwand verringern könnte (bzw. inwiefern ein verringerter zeitlicher Arbeitsaufwand produktivitätssteigernd sein kann – auch hierzu gäbe es Studien).

Lasst uns gemeinsam nach möglichst guter und dafür möglichst wenig Stress verursachender Arbeit trachten!

Siehe auch: Wir strebern uns zu Tode

19.06.2014
Stress und die Implikationen
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