User (und sogar der ORF) kehren Facebook den Rücken – zurecht?

In letzter Zeit gab es teils wieder einen verstärkten Exodus aus Facebook, gestützt u.a. durch die usergenerierte Bewegung mit dem Hashtag #deletefacebook. Doch auch renommierte Institutionen gehen wacker voran.

So hat z.B. der österreichische Rundfunk vor ein paar Wochen stolz (oder trotzig?) verkündet, dass er Facebook (zumindest was den wichtigen News Teil betrifft) verlassen würde und seine Beweggründe dafür dargelegt. Nachzulesen hier. Neben berechtigten Kritikpunkten an Facebook (wie Datenskandale oder der negative Einfluss reißerischer Fakenews) zählt der ORF in fast schon beleidigter Tonart auf, was ihn während der Zeit auf Facebook unglücklich gemacht hat. So hätten Beiträge mit Links auf ORF.at, die also User von Facebook auf ORF führen möchten, zuwenig Reichweite erzielt. Und überhaupt würde Facebook quasi nur versuchen, Inhalte und Werbegelder für sich zu gewinnen (letzteres sogar auf „aggressive“ Weise, indem bei Postings des ORF darauf hingewiesen würde, dass diese kostenpflichtig beworben werden könnten). Auf gut Österreichisch könnte man dazu sagen: ja no na ne!

Anscheinend hat der ORF in diesem Fall etwas auf das Objektivitätsgebot vergessen und die „kritische“ Analyse war etwas zu sehr von Eigeninteressen bzw. der eigenen Unternehmensform beeinflusst.

Wirtschaftspolitisch unterscheidet man zwischen öffentlichen (quasi staatlichen) und privaten Gütern. Öffentliche Güter kennzeichnen sich dadurch, dass ein Ausschluss entweder nicht möglich oder nicht wünschenswert ist. Man denke beispielsweise an die Wasserversorgung, Gesundheitsversorgung oder die Möglichkeit, sich öffentlich fortzubewegen oder zu bilden. Bekanntlich gibt es politisch und international unterschiedliche Meinungen, was denn nun der Staat für möglichst alle bereitstellen soll oder was auch private Unternehmen leisten können (unter der Akzeptanz in letzterem Fall, dass sich nicht mehr alle ein Produkt oder eine Dienstleistung leisten können).

Den ORF kann man durchaus als öffentliches Gut sehen, insofern, dass z.B. niemand von (möglichst objektiver und von wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen unbeeinflusster) Berichterstattung ausgeschlossen werden soll. Oder auch, dass ein öffentlicher Rundfunk gewissermaßen Kulturgut und Teil der gemeinsamen Identität und des Zusammenhalts ist.

Facebook hingegen ist relativ klar ein privates Gut bzw. Unternehmen und als solches muss es natürlich einerseits eigenständig Einnahmen erzielen, andererseits aber auch seine „Kunden“ zufriedenstellen, also vor allem seine User/-innen, aber aufgrund des werbefinanzierten Modells natürlich auch seine Werbepartner. Dass Facebook deshalb versucht, User auf der Plattform zu halten bzw. Usern vorzugsweise den Konsum von Inhalten direkt auf der Plattform zu ermöglichen, sowie potentielle Werbekunden (also bspw. Seitenbetreiber wie den ORF) auf Werbemöglichkeiten hinweist, ist logisch nachvollziehbar. User bevorzugen es, Inhalte wie bspw. Videos oder Nachrichtentexte möglichst direkt in einer Website ohne deren Verlassen anzusehen, und Medien bevorzugen es, User bei sich zu halten. Das gilt sowohl für Facebook als Medien wie den ORF!

Der ORF scheint seiner Analyse nach gewissermaßen zu erwarten, dass sich Facebook nach gewissen Regeln verhalten müsse. Doch während der ORF durch Gebühren finanziert ist, sich also um Einnahmen keine Sorgen machen, sich im Gegenzug aber um die Einhaltung rechtlich (seitens seiner bürgerlichen Geldgeber) vorgegebener Regeln halten muss, muss sich Facebook als privates Unternehmen nicht danach richten, was dem ORF passt und was nicht. Erst recht nicht um den ORF muss sich Facebook kümmern, zumal der ORF – wie er in seinem eigenen Artikel erwähnt – nicht für Werbung auf Facebook bezahlt. Der ORF ist somit weder User noch Werbekunde von Facebook und Facebook hat folglich recht, die Beiträge des ORF nur dann auszuliefern, wenn sie für Facebook User besonders interessant sind und möglichst auch im für User (und Facebook) praktischen Format (also z.B. möglichst innerhalb von Facebook „konsumierbar“) geliefert werden.

Während der ORF bei seiner Facebook Kritik relativ schnell gewesen zu sein scheint, ist er beim Thema seiner eigenen Finanzierung meist relativ unaufgeschlossen. Schnell wird der Verlust von objektiver Berichterstattung bedrohlich in den Raum gestellt, „langsam“ (wenig bis nicht) wird hingegen auf seit Jahren über die GIS und GIS Gebühren verägerte Bürger oder mögliche Alterntiven zum Gebührenmodell eingegangen.

Bezüglich Höhe der GIS Gebühr könnte man aus kritischer, um Objektivitäte bemühter Sicht seitens des ORF beispielsweise hinterfragen, wieso jede Bürgerin und jeder Bürger über einen Kamm gezogen wird (mit wenigen Ausnahmen wie bspw. Arbeitslosen, die offiziell von der Gebühr befreit sind). Bei derzeit monatlich rund 26 Euro pro Haushalt für TV und Radio sollten durchschnittlich (also wenig) verdienende Bürger/-innen durchaus ohne sofortigen Verweis ins rechte Lager hinterfragen dürfen, wieso sie die ORF Gebühr neben den sonstigen abzuliefernden Steuern separat bezahlen müssen, wieso jede/r unabhängig von seinem Einkommen gleich viel (und nicht gleich wenig) bezahlt und wieso die Kosten des ORF nicht über die Steuereinnahmen (ohne Verlust des Objektivitätsgebots) gedeckt werden können. Für eine wohlhabende Familie mögen monatlich 26 Euro kein bedenklicher Betrag sein, für einen Einpersonenhaushalt mit niedrigem Einkommen sieht es jedoch schon anders aus. Und könnte es nicht einen innovativen neuen Weg geben, die Regierung dazu zu verpflichten, einen Anteil der Steuereinnahmen – z.B. sofort und direkt, quasi gesetzlich automatisiert – an den ORF abzuliefern, ohne gleichzeitig – quasi erpresserisch – Einfluss nehmen zu können, indem z.B. schlichtweg ein gesetzlicher Anspruch des ORF auf diese Einnahmen festgelegt wird (unabhängig vom Willen der Regierung bzw. ohne einfache Möglichkeit, diesen Anspruch abzuändern)?

Bei aller berechtigter Kritik an Facebook stellt sich auch bei Facebook verweigernden Usern die Frage, inwiefern sie vernünftig und inwiefern sie rückwärtsgewandt oder unaufgeschlossen agieren. Viele oder gar alle Dinge haben positive und negative Seiten, Vor- und Nachteile. Doch ist es ein vernünftiger Ansatz, die Dinge folglich komplett zu verweigern? Natürlich kann dies im Einzelfall reizvoll bzw. je nach charakterlicher Veranlagung sinnvoll sein (jemand mit einer Abneigung für Computer und Elektronik hat vielleicht mehr Freude mit einem altmodischen oder ganz ohne Telefon). Doch oft wäre ein bewusster und verantwortungsvoller Umgang – auch mit neuen Dingen – sinnvoller, als sie aus Protest und Angst vor dem Neuen komplett zu verweigern. Genauso wie Smartphones, Medikamente, Alkohol, Sport, Sex, Autos, Beziehungen etc. Chancen und Gefahren bieten, genauso gehen neue Internetangebote, wie eben Facebook, mit neuen praktischen Möglichkeiten sowie auch persönlichen und gesellschaftlichen Gefahren einher. Aus Sicht der goldenen Mitte bzw. des gesunden Hausverstands (bzw. einer typisch österreichischen Mittelmäßigkeit im positiven Sinne) erscheint eine vorsichtige und bewusst kritische Nutzung bzw. ggf. gesetzliche Regulierung von Facebook & Co. (was größere Gefahren betrifft, und nicht etwa die erhoffte Reichweite des ORF) sowohl persönlich als auch kollektiv nützlicher als eine trotzige Verweigerung.

18.05.2019
User (und sogar der ORF) kehren Facebook den Rücken – zurecht?
5 (100%) 2