Geschichte und Zukunft der EU

Der schottische Journalist und Autor Neal Ascherson legt in LE MONDE diplomatique vom 13.04.12 seine Ansicht der Geschichte und Zukunft der EU dar. Nach dieser ist die EU vor allem aus nationalen Interessen entstanden und auch künftig essentiell für die Stärkung und gar das Überleben der europäischen Nationalstaaten. Er hält offensichtlich sowohl eine starke EU als auch starke Mitgliedsstaaten für wichtig und betont auch die Bedeutung der bisherigen und künftigen sozialen Ausrichtung der EU (Staaten): „Der im August 2010 verstorbene Tony Judt (britischer Historiker mit Schwerpunkt Europäische Geschichte, Anmerkung der Redaktion) hat uns aufgefordert, vom 20. Jahrhundert nicht nur die Schrecken im Gedächtnis zu behalten. In der Tat gehören die Stabilität und die soziale Gerechtigkeit in Westeuropa nach 1945 zu den großen Errungenschaften der Menschheit. Auf diese Phase folgten dreißig Jahre des – inzwischen verblassenden – neoliberalen Dogmas, das uns den Schlamassel beschert hat, in dem wir heute sitzen. Dass der Nationalstaat seine mühsam gewonnene Legitimität einbüßt, wenn er öffentliche Einrichtungen privatisiert, die für das Leben der Menschen wichtig sind, war keine Überraschung. Je mehr sich der Staat von den Bürgern entfernte, umso mehr verloren die das Interesse an den demokratischen Prozessen.“ Was uns an den Ansichten Aschersons weniger gefällt, ist seine im Artikel geäußerte demokratiekritische Einstellung hinsichtlich der EU. Uns scheint nämlich eine klare demokratische Mitbestimmung der EU Bürger, die bisher vernachlässigt wurde (was auch Ascherson bescheinigt), essentiell dafür, dass die Vorteile der EU von den Bürgern wahrgenommen bzw. mitbestimmt werden, die EU folglich positiv gesehen und von ihnen aktiv und mit Freude getragen anstatt ertragen wird. Außerdem glauben wir daran, dass die Mehrheit zumindest hinsichtlich der „groben“ politischen Ausrichtung ein besseres Gespür hat als einzelne Politiker, Diktatoren, Artistokraten, Technokraten, oder welche Eliten auch immer (siehe hierzu bspw. die Summierungsthese von Aristoteles oder diese demokratiefreundlichen Thesen), vor denen die Individuen bekanntlich eher umfassend und effektiv geschützt als ihnen möglichst unterworfen werden sollten, wenn man sich ansieht, was Diktatoren und Eliten in der Geschichte  schon alles angerichtet haben und in autoritär strukturierten Ländern nach wie vor anrichten. Link zum Artikel „Das große und das kleine Glück Europas“ von Neal Ascherson

18.04.2012
Geschichte und Zukunft der EU