Diskussionen, Mehrheitsentscheidungen und Demokratie

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Diskussionen, Mehrheitsentscheidungen und Demokratie

Beitragvon Redaktion » 04.04.2009, 23:22

{L_IMAGE}"[Es gibt den] Verdacht .., dass despotische Entscheidungsstrukturen [im Tierreich bei Tieren, die in mehr oder weniger großen Gruppen zusammen leben und deshalb auch kollektive Entscheidungen treffen müssen] eher die Ausnahme sein dürften und stattdessen demokratische Regeln, genauer gesagt, die einfache Mehrheitsregel, die Regel. ... "Synchronisationskosten" ergeben sich aus der Summe der Abweichungen der einzelnen optimalen Aufbruchzeitpunkte von dem tatsächlich gewählten Zeitpunkt [Aufbruch einer Herde nach einer Ruhephase]. Conrad und Roper zeigen nun, dass eine Mehrheitsentscheidung immer zu geringeren Synchronisationskosten führt als die Entscheidung eines Despoten (eines Leithirsches). Geringere Kosten bedeuten einen Selektionsvorteil im Evolutionsprozess und deshalb setzen sich "demokratische" Verfahren eher durch als despotische. Dazu trägt auch bei, dass sich Despoten im Tierreich schwer tun. Um seinen Willen gegen die Mehrheit durchzusetzen, muss ein potentieller Despot einen relativ großen Aufwand betreiben. Beispielsweise müsste ein Hirsch, wenn er bestimmen will, wann aufgebrochen wird, andere daran hindern aufzustehen. Im Unterschied fällt es der Mehrheit relativ leicht "Widerstand" zu leisten. In menschlichen Gesellschaften ist das erkennbar anders, denn hier können Despoten durch die Bildung von Koalitionen und die Nutzung technischen Fortschritts mit vergleichsweise geringem Aufwand eine erhebliche Repression entwickeln." (Weimann 2004, S 170 in einem kurzen Ausflug über Demokratie im Tierreich)

"Das Arrow-Theorem und der Ruf nach dem starken Mann: Man kann getrost unterstellen, dass sich das Arrow-Theorem[1] noch nicht bis an die Bier- und Stammtische herumgesprochen hat. Dennoch wird an diesen nicht selten in einer Weise argumentiert, die - zumindest auf den ersten Blick - durchaus in Einklang mit Arrow zu stehen scheint. Wann immer politische oder gesellschaftliche Situationen entstehen, die a) viele Menschen in eine schwierige Lage bringen und die b) einen gewissen Grad an Komplexität überschreiten, wird der berühmte Ruf nach dem starken Mann laut. Das unrühmliche Ende der Weimarer Republik ist das vielleicht herausragendste Beispiel dafür, wie laut dieser Ruf werden kann. Gegenwärtig ... [in Problemzonen auch] ... durchaus die Neigung vorhanden, die Lösung komplexer Probleme in einer Abkehr von schwierigen demokratischen Entscheidungsverfahren zu sehen. ... Und sind es nicht entschlossene Taten, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden, die in schwierigen Zeiten gefragt sind? Selbstverständlich lässt sich eine solche Argumentation mit dem Verweis auf Arrow nicht stützen. Das Arrow-Theorem zeigt zwar deutlich die Problematik kollektiver Entscheidungen, ohne dass sich daraus jedoch eine Empfehlung für eine konkrete Alternative ableiten ließe. Jede Entscheidungsregel muss vielmehr für sich überprüft und auf ihre Mängel hin untersucht werden. Genau das lehrt uns Arrow: Weil es kein ideales Verfahren geben kann, müssen wir immer mit Schwächen rechnen und dies gilt es sehr genau zu betrachten ... Vergleich zwischen demokratischen und nicht-demokratischen Regierungsformen lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise führen. Zwei empirische Argumente sollten zu denken geben. Zwischen demokratischen Ländern hat es bisher noch keinen einzigen Krieg gegeben und in einem demokratischen Land ist es bisher noch nie zu einer Hungersnot gekommen. ... Hungersnöte ... betreffen selten mehr als die ärmsten 5% einer Bevölkerung. Das bedeutet, dass keine Hungersnot wirklich sein müsste oder nicht durch nationale Maßnahmen vermieden werden könnte. In demokratischen Systemen ist es offensichtlich nicht möglich 5% ihrem Schicksal zu überlassen - Diktaturen haben da weniger Probleme. ... Die Diskussion, die den Prozess der Präferenzbildung ganz entscheidend mitgestaltet, macht den Kern demokratischer Verfahren aus. Wenn das wahr ist, dann fehlt einer Diktatur ein zentrales Element kollektiver Entscheidungsfindung - eben die Diskussion vor der Entscheidung. ... welch ungeheuer wichtige Funktion die Diskussion oder allgemein die Kommunikation hat. Es deutet vieles darauf hin, dass Kommunikation der entscheidende Schlüssel zum Verständnis dafür ist, warum Menschen in der Lage sind, soziale Dilemmata zu überwinden. ... Frei nach Winston Churchill ... bleibt nur der Schluss, dass Demokratien zwar nicht funktionieren, aber ein besseres Verfahren weiterhin unbekannt ist." (Weimann 2004, S 203-205)

Nachtrag 2008: Es gibt auch Studien (wenn ich mich recht erinnere, sind diese ebenfalls in Wirtschaftspolitik. Allokation und kollektive Entscheidung - vgl. oben - erwähnt), in denen festgestellt wurde, dass Gruppen eher richtig entscheiden als Individuen (vgl. hierzu auch den "Publikumsjoker" im Fernsehquiz "Millionenshow", bei dem das Publikum befragt wird und dessen Mehrheitsentscheidung meist richtig ist; was "richtig" ist, kann aber wohl nicht immer so klar als bspw. bei Millionenshow-Quizfragen definiert werden).

Siehe hierzu auch:

Summierungsthese
Die goldene Mitte
Thema Politik

[1] Ungefähre Erklärung des "Arrow-Paradoxons": Arrow hat bisher unwiderlegt nachgewiesen, dass es kein Entscheidungsverfahren gibt, welches zu rationalen kollektiven Entscheidungen führt - individuelle Rationalität führt oft zu kollektiver Irrationalität! Die Probleme bei der "kollektiven Nutzenmaximierung" fangen schon bei der Messbarkeit des Nutzens an (zum Thema Nutzenmesskonzepte habe ich einmal ein Referat geschrieben - sollte sich jemand dafür interessieren, einfach melden), was eine besondere Bedeutung für die Demokratie hat (man denke an Wahlverfahren, Abstimmungen, Unterdrückung von Minderheiten durch die Mehrheit, etc.); man recherchiere selber für genauere und zuverlässigere Infos zum "Arrow-Paradoxon"...

Literatur:

Weimann, Joachim (2004), Wirtschaftspolitik. Allokation und kollektive Entscheidung, Springer, Berlin, 3. Auflage. (In einem Kurs über Wirtschaftspolitik an der Universität Innsbruck als literarische Hauptunterlage verwendet. Mir persönlich hat dieses wissenschaftliche Buch jedoch abgesehen von einigen Stellen wie den oben zitierten nicht so gut gefallen, weil ich manche Aussagen nicht gut nachvollziehen konnte und manche für bedenklich hielt.)



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