Utopie einer besseren Gesellschaft

[img:2t9lgno3″[/img:2t9lgno3″>[/url:2t9lgno3″>WIEDERENTDECKT[/url:2t9lgno3″>: Vor ein paar Jahren hat ein Redakteur der Wochenzeitung WOZ[/url:2t9lgno3″>, der „einzigen unabhängigen linken Zeitung der Deutschschweiz“, seine Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft niedergeschrieben. Und diese sind unseres Erachtens teils recht reizvoll und teils recht interessant bzw. auch humorvoll begründet, weshalb wir nachfolgend ein paar ausgewählte Auszüge daraus zusammengestellt (und für uns interessante Schlagworte bzw. Aussagen zusätzlich fett hervorgehoben) haben.

Den originalen Artikel („Der 20-Prozent-Planet“) finden Sie hier[/url:2t9lgno3″> (und falls irgendwann nicht mehr, finden Sie vielleicht noch hier[/url:2t9lgno3″> eine Sicherungskopie davon).

„Hier ist die Aufgabe: Wie können wir [b:2t9lgno3″>mit 20 Prozent des heutigen Energieverbrauchs schöner leben[/b:2t9lgno3″>? (Die ETH nannte das einmal die 1000-Watt-Gesellschaft.) Die Schweiz und der Planet verbrennen momentan fünfmal mehr Ressourcen, als nachhaltig möglich ist. Der Ökokollaps ist sozusagen vorprogrammiert. Vielleicht trifft er nicht mehr in meinem Leben (ich bin 55) ein. Aber irgendwann wird die Wirtin die Rechnung präsentieren. Greenpeace meint, 2050 sei es so weit.“

„Nun, wer nicht arbeitet, braucht auch kein Büro und auch kein Auto, um dorthin zu pendeln. Da heute schon die materiell notwendige Produktion höchstens 10 Prozent der ganzen Wirtschaftstätigkeit ausmacht (Landwirtschaft: 2 Prozent), führt diese Reduktion nicht zwingend zu Not und Armut. [b:2t9lgno3″>80 Prozent unserer Arbeit besteht aus mehr oder weniger dubiosen Dienstleistungen und Dienstleistungen für DienstleisterInnen.[/b:2t9lgno3″>“

„Es wird auch langweiliger. Nachdem der Nordpol routinemässig besucht wird, der Mond sich als toter Felsbrocken herausgestellt hat (leider ist er nicht aus Käse), die Wissenschaft so gut wie alles Wichtige weiss, die [b:2t9lgno3″>Kunst im siebten Revival-Durchgang[/b:2t9lgno3″> steckt, gibt es keine echten Herausforderungen mehr. Wenn wir den Kapitalismus schon nicht aus ökologischen oder egoistischen Gründen loswerden wollen: Wie wärs mit einem sportlichen? [b:2t9lgno3″>Ist nicht die Überwindung des globalen Kapitalismus das letzte große Abenteuer unserer Zeit?[/b:2t9lgno3″> Es wäre eine echte Herausforderung: Das mächtigste System, das es je gab, verteidigt durch starke Ideologien (zum Beispiel Maggie Thatchers TINA: «There is no alternative»), Hightech-Armeen, allwissende Geheimdienste, abwiegelnde PolitikerInnen («Wir verstehen euch ja, aber …»), hoch mobile globale Unternehmen … Dagegen ist Sauron im «Herrn der Ringe» ein kleiner Giftzwerg. Wenn wir diesen Megathlon gewinnen, stehen wir am Schluss alle auf dem Siegerpodest. Auf die Plätze.“

„Klein ist nicht immer beautiful (hier bezieht sich der Autor auf eine unter der Aussage „Small is Beautiful“ bekannte sozialwissenschaftliche These, Anm. der Denker-Redaktion für jene, die davon noch nicht gehört haben): Wir brauchen neue Kooperativen einer gewissen Grösse, damit die ökonomischen (und ökologischen) Grössenordnungen stimmen.

Kommunikationsforscher haben herausgefunden, dass menschliche Gruppen bis zu 150 Mitgliedern informell kommunizieren und sich organisieren können. In informellen Organisationen leiden die Schwachen und erschöpfen sich die Starken. Also müsste unsere Kooperative um einiges grösser sein, damit soziale Klebrigkeit vermieden werden kann – jene üble Gemütlichkeit, die uns nicht dazu zwingt, uns bewusst zu organisieren. Wir brauchen also Einheiten von etwa 500 Individuen aller Altersgruppen. Ich nenne sie LMOs (Life Maintenance Organisations = Lebenserhaltungsgemeinschaften).“

„Eine Welt vernünftiger Quartiere oder Kleinstädte wäre jedoch öde und spannungslos. Die Verstärkung metropolitaner Zentren ist das Gegengift gegen die Verzettelung von kulturellen oder technischen Unternehmungen in Agglomerationszonen. [b:2t9lgno3″>Die grossen Metropolen (über eine Million BewohnerInnen) bieten in der Tat kulturelle und soziale Möglichkeiten, die das Dorf nie erreichen kann.[/b:2t9lgno3″>

Trotz ihrer blutigen Geschichte [b:2t9lgno3″>gibt es keinen Grund, sich ein gerechtes und umweltverträgliches Leben in diesen Metropolen (griechisch: «Mutterstädten») nicht vorzustellen[/b:2t9lgno3″>. Aus den Global Cities des Überlebenskampfs aller gegen alle müssen solidarische und organisch gegliederte Metropolen entstehen. (Einige hoffnungslos parasitäre, pseudourbane Gebilde werden sich allerdings auflösen oder zerfallen.)

Die selbst verwalteten Stadtteile solcher Metropolen müssen Beziehungen mit der umliegenden Landwirtschaft aufbauen. Dass das möglich ist, zeigt die 15-Millionen-Stadt Shanghai, die jeden Morgen mit Frischgemüse aus der Region versorgt wird. Zur vollständigen Lebensmittelversorgung von einer Million Menschen braucht es unter mitteleuropäischen Bedingungen ein Agrarumland von zirka 2000 Quadratkilometern, das heisst einen Umkreis von etwa 25 Kilometern.“

„Ein LMO kann sich zwar eine Weile selbst mit Lebensmitteln versorgen, doch wenn die Elektronik des ersten Traktors ausfällt oder es keine Pillen gegen Bluthochdruck mehr gibt, dann wird das Leben grimmig. […“> Diese technologische Zusammenarbeit kann nur auf der Ebene von Kontinenten oder Subkontinenten stattfinden, zum Beispiel Westasien (wir müssen uns endlich damit abfinden, dass Europa ein Teil Asiens ist). Es wird in Westasien nur noch eine Motorwagenfabrik, ein grosses Pharmawerk, ein Elektronikunternehmen, einige wenige Stahlwerke, ein Werk für synthetische Rohstoffe geben. […“> Damit sowohl die nötige Flexibilität wie auch eine Kontrolle garantiert ist, werden diese subkontinentalen Werke als AGs (von LMOs, Territorien) konstituiert und funktionieren auf normale kapitalistische Art: Sie suchen sich LohnarbeiterInnen, bezahlen Löhne, verkehren mit der Bank (eine andere AG), machen Businesspläne, zahlen Steuern, verkaufen ihre Produkte an die, die sie brauchen und bezahlen können. Diese Industrien gehören also den KonsumentInnen, genauso wie die Migros (zumindest theoretisch), die ja deswegen nicht weniger gut funktioniert als der private Denner. (Die Hightech-Werke dürfen auf keinen Fall den ArbeiterInnen gehören: Das würde zu einem wilden Betriebsegoismus führen.) [b:2t9lgno3″>Die ArbeiterInnen sind Angestellte der KonsumentInnen – was gute Arbeitsverhältnisse nicht verhindert.[/b:2t9lgno3″>“

„Für den geschrumpften Bereich der Geldwirtschaft wird [b:2t9lgno3″>eine neutrale Weltwährung[/b:2t9lgno3″> (wie wärs mit umu = universal monetary unit? Besser als globo!) geschaffen, herausgegeben von der Universalbank (uba).

Am einfachsten wird der umu garantiert durch einen Güterkorb, der wiederum in den Filialen einer universalen Mikromarktorganisation (mimo) erhältlich ist. Mimo gehört natürlich der uba. Die mimo-Betreiber sind Angestellte der uba, also keine KleinhändlerInnen – es gibt [b:2t9lgno3″>nichts Schlimmeres als kleine LadenbesitzerInnen[/b:2t9lgno3″> (Ludwig Hohl).“

„Alles andere folgt daraus: sichere Erdölversorgung, Kontrolle über Länder mit Ölquellen, dazu passende Politik, eigene Türen überwachen, fremde aufmachen, [b:2t9lgno3″>Sicherheit zuhause, Unsicherheit überall sonst[/b:2t9lgno3″>. (Nicht zufällig haben die [b:2t9lgno3″>USA[/b:2t9lgno3″> neben den schönsten Suburbs mit zwei Millionen InsassInnen auch das größte Gefängnissystem des Planeten. Es muss eine zwangsläufige Entsprechung zwischen dem für viele unmöglichen Traum und diesem nur allzu möglichen Albtraum geben.)“

„Darum sind heute die effektiven [b:2t9lgno3″>Terroristen[/b:2t9lgno3″> all jene nichtsnutzigen KonsumentInnen, die kein Auto kaufen (ob es amerikanisch oder japanisch ist, spielt schon lange keine Rolle mehr). Zu Terroristen werden schliesslich auch jene Suburbaniten, die ihre Lebenslüge, ihr imperiales Trauma, in Bilanzfälschungen umgesetzt haben. Sie haben mehr Schaden angerichtet als die durchgeknallten saudischen Milliardärssöhnchen, die nur etwas überflüssigen Büroraum zerstört haben, denn sie selbst sind die Verkörperung eines grundlegenden «Schadens». Terroristen kommen immer von «innen», weil draussen gar niemand mehr ist. Prince Prospero kann die Angst und den roten Tod nicht draussen halten.“

„Gut ausgestattete und lebendige Quartiere (beziehungsweise Kleinstädte, Dörfer) sind das beste Mittel gegen die [b:2t9lgno3″>Zwangsmobilität[/b:2t9lgno3″>. Einfamilienhäuser sind schnarch, Geschäftsviertel gähn. Die Trennung in Schlafquartiere und Geschäftsquartiere muss dringend aufgehoben werden. Strassenseitige Parterreräume müssen also praktisch durchgehend mit öffentlichen oder wenigstens LMO-internen Nutzungen belegt sein. Das Herumschlendern muss Spass machen.

Das Programm, das Quartiere selbständiger und attraktiver machen soll, heisst POSTO («il solito posto», der öffentliche Ort, wo man sich trifft). Während Stadtzentren hektisch sein können, vielleicht sogar müssen, gibt es keinen Grund, dass der Arbeitsstress sich im Quartier fortsetzt. POSTO ist kein Verkehrsbehinderungsprogramm, sondern ein Programm, das Verkehr überflüssig macht, indem ein grösserer Teil des Lebens in Fussgängerdistanz geführt werden kann.“

„Das Quartier unterhält ein quartierinternes Wohnungstauschzentrum, sodass BewohnerInnen über alle Lebensphasen im Quartier wohnen können (wenn sie wollen). Das ist sehr wichtig, wenn Kinder ausziehen oder man plötzlich mit kleinerem Einkommen auskommen muss (Pensionierung).“

„VILLA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion): Das Quartier richtet ein Jugendhaus für Teenager ein, das im Keller und im Parterre Musik- und Partyräume, in den oberen Stockwerken Wohnungen enthält; [b:2t9lgno3″>Jugendliche sollen sich zeitweilig von ihren Eltern lösen können[/b:2t9lgno3″>, aber trotzdem im Quartier bleiben können.

SERA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion): ein Programm, das es [b:2t9lgno3″>älteren Menschen[/b:2t9lgno3″> erlaubt, in verschiedenen Phasen (selbständig, mit Haushalthilfe, in Pflegepension) [b:2t9lgno3″>integriert und aktiv[/b:2t9lgno3″> im gleichen Quartier zu wohnen. Dazu gehört eine Stelle für Freiwilligenarbeit speziell für ältere Menschen. Niemand soll in ein Altersheim müssen.

CASABLANCA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion): Für MigrantInnen bestehen zwei Angebote mit den entsprechenden Unterstützungsprogrammen: a) Integration in LMOs; b) Aufbau von LMOs mit eigenem kulturellem Charakter (das sind keine Ghettos, sondern eher Botschaften zu anderen autonomem Territorien des Planeten). Die MigrantInnen sollen über die Art ihrer Integration selbst mitbestimmen können. Solche Nachbarschaften tragen zur Lebhaftigkeit der Stadt bei und machen die diffuse [b:2t9lgno3″>Integration[/b:2t9lgno3″> leichter (siehe New York). […“>

URBANOVA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion) – weg mit Einfamilienhäusern: Das ökologische und soziale Hauptproblem des Territoriums CH ist die wuchernde Zersiedelung und daher das grosse Verkehrsaufkommen und der soziale Zerfall (Kriminalität). Das Programm URBANOVA sorgt mit drei Initiativen dafür, dass [b:2t9lgno3″>die Landschaft entrümpelt und die Städte ökologisch umgebaut und verdichtet[/b:2t9lgno3″> werden. (Hongkongs Dichte ist achtmal höher ist als die von Zürich – da liegen zwanzig Prozent mehr wohl noch drin). […“>

BOSSANOVA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion) – Das Antiarbeitsprogramm: [b:2t9lgno3″>Ein großer Teil der ökologischen und sozialen Schäden kann auf den Faktor «zu viel Arbeit» zurückgeführt werden.[/b:2t9lgno3″> Es geht darum, Arbeitszeitverkürzungen zu fördern, die flexibel sind, individuell etwas bringen und erst noch Energien für soziales Engagement freisetzen. […“> Es wird neu eine einprozentige Sabbatical-Lohnsteuer (je ein halbes Prozent von Arbeitnehmer und Arbeitgeberin) erhoben. Mit einem Fonds, der aus dieser Steuer, der Arbeitslosenversicherung und dem Bildungsbudget geäufnet wird, unterstützt der Bund alle Erwerbstätigen und HaushaltarbeiterInnen mit 30 000 Franken, wenn sie alle sieben Jahre einen einjährigen unbezahlten Urlaub nehmen; zudem bezahlt er die AHV- und Pensionskassenbeiträge. Damit wird es möglich, ohne Flugzeuge Fernreisen zu unternehmen. Im Unterschied zur Reduktion der Wochenarbeitszeit bieten Sabbaticals einen wirklichen Unterbruch im Arbeitsleben, eine echte Erholung, eine Möglichkeit der Umorientierung. Sie bedeuten eine «vorbezogene» Pensionierung auf Raten. […“>

AGRONOVA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion) – [b:2t9lgno3″>Rettet Bauern vor dem Dorf[/b:2t9lgno3″>: […“> Parabolantennen und Ausflüge in Shoppingcenter illustrieren deutlich, dass die Pflege des echten Dorflebens nur noch Nostalgie ist. Die Bauern sind seit je auf die Städte ausgerichtet, wo ihre Konsumentinnen leben. Die Rückkehr in die rein ländliche Subsistenz wünschen weder Bäuerinnen noch Städter: Beide wollen Zugang zum ganzen Leben des dritten Jahrtausends.

Nicht die Bauerndörfer werden also LMOs, sondern es werden einige Bauernhöfe zusammen mit ihren städtischen Partnern eine LMO. Das kann so weit gehen, dass die [b:2t9lgno3″>Bäuerinnen und Bauern in der Stadt wohnen und nur noch in Schichten (zum Beispiel wochenweise) auf dem Land leben[/b:2t9lgno3″>. Das Landdorf bildet eine Arbeitsgemeinschaft. Wenn in einigen Orten auch ländliche LMOs möglich sein sollten, umso besser. Gute Landbeizen gibt es weiterhin als völlig private Unternehmungen oder angelehnt an die großen LMO-Höfe.“

„Das Ziel ist das [b:2t9lgno3″>Zusammenwachsen von Stadt und Land[/b:2t9lgno3″>. Die Landwirtschaft verabschiedet sich aus der Wirtschaft und wird Teil der erweiterten Hauswirtschaft. Statt einer mörderischen Marktwirtschaft soll hier eine Stadt-Land-Partnerschaft entstehen, die eine dezentral organisierte, ökologisch effiziente und sozial bereichernde Subsistenz auf einem bestimmten Territorium garantiert. (Vielleicht würde dann das helvetische Territorium doch noch autonom.)“

TERRADONNA (vom Autor gewählte Abkürzung für ein utopisches politisches Programm, Anm. der Denker-Redaktion) scheint harmlos, doch es würde eine Rückwirkung auf die Situation in vielen Ländern haben. Frauen könnten sagen: «Entweder ihr respektiert mich, oder ich gehe in die Schweiz.» Den Frauen mehr Macht zu geben, heisst, [b:2t9lgno3″>die Ausbeutbarkeit des Südens zu bekämpfen[/b:2t9lgno3″>. Im gleichen Mass, wie wir ihn weniger ausbeuten müssen und er sich besser wehren kann, nähern wir uns der planetarischen 20-Prozent-Gesellschaft. Und dann muss es [b:2t9lgno3″>keine Wirtschaftsflüchtlinge mehr[/b:2t9lgno3″> geben.“

(Von der Redaktion der Denker ausgewählte Auszüge aus dem Artikel „Der 20-Prozent-Planet[/url:2t9lgno3″>“, veröffentlicht in der Ausgabe 51/2002 in der Schweizerischen Wochenzeitung WOZ[/url:2t9lgno3″>)

Bildquelle: Illustration zu dem Buch „Der Zukunftsstaat. Staatseinrichtung im Jahre 2000“ von Friedrich Eduard Bilz (1904), gefunden unter 01.01.2000