Wir müssen mehr genießen

Dies zumindest meint der – da es um’s Genießen geht natürlich österreichische – Philosoph Robert Pfaller in seinem philosophischen Aufsatz “Wofür es sich zu leben lohnt” (Interview). Karriere, Diät und Fitnesscenter stünden heute, verkürzt gesagt, über gemeinsamem Essen und Trinken, Feiern, Sex, etc. Wir würden es neuerdings wieder verstärkt bevorzugen, uns mit Verboten zu umgeben. Was früher aus moralischen Gründen verboten war, würden wir uns heute gern aus rationalen Gründen politisch verbieten lassen (offensichtlich ein Dorn im Auge ist Pfaller dabei das öffentliche Rauchverbot, das u.a. mit dem Eingriff in die Freiheit von Nichtrauchern rational argumentiert wird).

Natürlich ist das keine neue Sicht, hier zwei ältere genussfreundliche Ansichten:

“Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen.” (Samuel Butler, 1835-1902)

“Keine Pflicht wird mehr vernachlässigt, wie die Pflicht, glücklich und zufrieden zu sein.” (Robert Louis Stevenson, 1850-1894)

Doch könnte man demgegenüber nicht auch die Gegenthese aufstellen, dass speziell die jungen Menschen sich mittlerweile – vielleicht aus einer post-religiösen, post-modernen und durch Vielfalt überforderten politischen Resignation heraus, vielleicht aber auch vor allem verführt durch die immer und überall leicht verfügbare Unterhaltungsmaschinerie (man denke bspw. an Smartphones) – zu sehr vor Problemen (und damit aber auch politischen oder individuellen Problemlösungsmöglichkeiten) in Zerstreuung und Genuss flüchten?

Eine Gefahr durch Zerstreuung wurde jedenfalls schon in deutlich weniger “zerstreuungsfreundlichen” Zeiten geortet, hier drei Beispiele:

“Und dass dies alles, ebenso wie heute die Anfänge des Radios, den Menschen nur dazu dienen werde, von sich und ihrem Ziele weg zu fliehen und sich mit einem immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu umgeben.” (Hermann Hesse über die ‘Fort-schritte’ durch die technische Entwicklung in ‘Der Steppenwolf’, im Jahr 1927)

“I am saying we are losing our sense of what it means to be well informed. Ignorance is always correctable. But what shall we do if we take ignorance to be knowledge?” (Neil Postman in “Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie”, wo er im Vorwort auch auf Huxley hinweist: “As he saw it, people will come to love their oppression, to adore the technologies that undo their capacities to think.”)

“Je mehr die Leute Kunst und Schlauheit pflegen, desto mehr erheben sich böse Zeichen.” (Lao Tse)

Und wir verspüren zwar, im Einklang mit vermeintlich sehr konträren Denkern wie Nietzsche oder Jesus (“Wenn die, die euch führen, euch sagen: seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. [...] Herr, es sind viele um den Brunnen, aber keiner ist in dem Brunnen.”, laut dem spät entdeckten, wissenschaftlich verifizierten, aber von der Kirche nicht offiziell anerkannten Thomas Evangelium), eine ethische Neigung in Richtung Hedonismus (siehe hierzu den Artikel “Glücklich und zufrieden sein als Tugend?“). Jedoch finden wir auch, dass wirkliches Genießen und Freude meist dann am besten möglich sind, wenn diese möglichst nicht auf Kosten von anderen gehen und man davor existierende Probleme bestmöglich gelöst oder zumindest ausreichend in Angriff genommen hat, man also keine Probleme verdrängen muss. Und im Bestfall lässt sich das Genießen sinnvoll mit nachhaltig positiven Auswirkungen verbinden (z.B. per gesundem Sex oder Studieren bzw. Arbeiten an einem aufregenden und angenehmen Ort).

Was meinen Sie, genießen wir zu wenig (gemeinsam) oder sind wir im Gegenteil zu rücksichtslos, ignorant und sozial und politisch inaktiv?

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