Privat oder staatlich?

Teil des Titelblatts von Thomas Hobbes' berühmtem "Leviathan" (1651), "einem der bedeutendsten Werke der westlichen politischen Philosophie" (Wikipedia)Die Wirtschaftswissenschaften haben bei vielen einen schlechten Ruf, weil sie als ideologischer Background für Neoliberalismus gesehen werden. Doch natürlich gibt es auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften sehr unterschiedliche Meinungen zu wirtschaftlicher Freiheit bzw. staatlichem Eingriff.

Auf wissenschaftlicher Ebene manifestieren sich unterschiedliche wirtschaftswissenschaftliche „Glaubensrichtungen“ beispielsweise in Form von ökonomischen „Schulen“ (quasi offiziell oder inoffiziell gruppierte wissenschaftliche Meinungstendenzen), wie z.B. die ökonomisch sehr liberal orientierte „Chicagoer Schule„. Die Bandbreite der Meinungen reicht hier von, vereinfacht ausgedrückt, „ein Monopol ist immer noch besser als ein Staatseingriff in den Markt“ bis hin zu sehr regulierungs- und verstaatlichungsfreundlichen Ansichten.

Thematisch betrachtet werden unterschiedliche wirtschaftswissenschaftliche Ansichten von Ursachen und Lösungen wirtschaftlicher Probleme vor allem in Theorien rund um „Marktversagen“ bzw. „Staatsversagen„. Wie die Namen schon vermuten lassen, geht es bei diesen Themenbereichen um die theoretische Festschreibung von Bedingungen, unter welchen ein unregulierter Markt versagt bzw. ein staatlicher Eingriff mehr Schaden als Nutzen verursacht. In beiden Fällen werden dabei natürlich auch Lösungsvorschläge erarbeitet und wissenschaftlich diskutiert.

Ein theoretischer Grund für Marktversagen sind beispielsweise „öffentliche Güter„. Damit sind, wiederum vereinfacht gesagt, Güter gemeint, von denen ein Ausschluss der „Öffentlichkeit“ entweder nicht möglich oder nicht wünschenswert ist. Als öffentliche Güter können z.B. ein Nationalpark, Wasserversorgung oder Bildung gesehen werden, aber auch hierzu gibt es natürlich verschiedene wissenschaftliche bzw. politische Meinungen und teils gemischte Ansätze (im theoretischen Rahmen von „New Public Management“ wird z.B. untersucht, inwiefern es effizienter sein kann, öffentliche Güter / Aufgaben privat verwalten / erledigen zu lassen, z.B. per privater statt staatlicher Müllabfuhr).

So wurden beispielsweise in Großbritannien die Wasserversorgung und der Schienenverkehr teilweise privatisiert – in diesen Fällen mit sehr zweifelhaften Ergebnissen.

Im Bereich der Bildung gibt es bekannter weise international sehr unterschiedliche Ansätze. Angesichts eines schlechten Zustands öffentlicher Hochschuldbildung könnte man beispielsweise die Frage stellen, ob eine Mischform aus privaten Universitäten und staatlicher Unterstützung von Studenten, ähnlich wie in den USA, sowohl für Unis als auch Studenten letztendlich vorteilhafter sein könnte als eine schlechte Studien- und Lehrsituation und ein wenig angesehener Abschluss.

Im Bereich der „Umweltökonomie“, welche sich mit Auswirkungen freier Märkte auf Tiere und Umwelt und mit marktorientierten, möglichst effizienten Lösungen (wirtschaftspolitischen „Instrumenten“) beschäftigt, kann Privatisierung beispielsweise sogar positive Auswirkungen haben. So basiert z.B. Überfischung oft auf dem Problem, dass Gewässer öffentlich sind und sich der „homo oeconomicus“ (welcher in den Wirtschaftswissenschaften ebenfalls kritisch bzw. empirisch hinterfragt wird, aber leider in der wirtschaftlichen Praxis nach wie vor oft leicht zu erkennen ist) möglichst viele Fische schnappen will, bevor es andere Fischer tun. Private Fischereirechte (quasi die Einführung von Privateigentum) führen hier theoretisch und praktisch dazu, dass Fischer darauf achten, dass der bewirtschaftete Bestand an Fischen erhalten bleibt.

Als Gründe für „Staats-“ bzw. „Politikversagen“ werden beispielsweise das Eigennutzstreben der politischen Akteure (z.B. in Form von Stimmenmaximierung gemäß Wahlzyklen), die Ineffizienz bzw. Kostenintensität staatlichen Handelns (z.B. aufgrund fehlender Konkurrenz) oder das Unwissen des Staates über die Bedürfnisse der Menschen genannt (der Markt würde auf individuelle Bedürfnisse viel besser eingehen bzw. der Staat auch oft zu „paternalistisch“ agieren).

Ein vor allem in Europa, aber selbst in „Schwellenländern“ immer populärerer wirtschaftswissenschaftlicher „Ansatz der goldenen Mitte“ ist jener der ökosozialen Marktwirtschaft. Dabei wird versucht, dem Markt einerseits die für Produktivität und Flexibilität nötigen Freiheiten zu lassen, andererseits aber staatlich für klare ökologische und soziale Grenzen des wirtschaftlichen Handelns bzw. die Erreichung sowohl wirtschaftlicher, ökologischer als auch sozialer Ziele („Nachhaltigkeit“) zu sorgen (z.B. per sozialer Grundsicherung oder Förderung alternativer Energiegewinnung).

Wie nunmehr hoffentlich erkenntlich wurde, gibt es „die Wirtschaftswissenschaft“ als eine wissenschaftliche „Glaubensrichtung“ nicht. Stattdessen gibt es angesichts der oft komplexen betriebs- und volkswirtschaftlichen bzw. verstärkt auch globalen Problemstellungen multiple wirtschaftspolitische Ansätze, die im Rahmen der Wirtschaftswissenschaften diskutiert und immer öfters auch in Laborversuchen empirisch erprobt werden. Je nach aktueller Problemstellung bieten sie aber ein wertvolles Instrumentarium und viele ausgezeichnete wirtschaftswissenschaftliche Denkerinnen und Denker, welche dem sozialen und ökologischen Verfall einer Gesellschaft in Chaos oder nicht-nachhaltige Extremlösungen (wie ungebändigtem Kapitalismus oder diktatorischem Kommunismus) erfolgreich im Sinne von Menschenwürde, Frieden und Wohlstand vorbeugen können. Die kürzlichen Wirtschaftskrisen zeugen dabei von einem nach wie vor nötigen, großen und spannenden Experimentier- und Lernbedarf.

03.04.2015
Privat oder staatlich?
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