DIE DENKER

Über das Zuviel-, das Zuwenig- und das Nichtdenken

Gastbeitrag einer Philosophin

Einen Gedanken loslassen, zuviele Gedanken loslassen, weder denken, noch nicht denken zu müssen / zu wollen, bzw. gar nicht zu wollen, das gehört zur Meditationspraxis im Pariser Buddhismuscenter in der Rue Tolbiac. Diese Praxis richtet sich an das Zuvieldenken und orientiert sich am Nichtdenken.

Es ist in Ordnung, wenn Gedanken kommen.
Sie können aber auch gern wieder gehen.

Das Zuwenigdenken ist das, was nicht nur im politischen Bereich verhängnisvoll ist, aber besonders da, überhaupt, wenn man bedenkt, dass Politik in den kleinsten sozialen Strukturen beginnt.

Das Denken selbst im Sinne von Reflektieren findet jedoch nicht nur in der Philosophie statt, im Gegenteil. Denken findet auch in der Kunst und Wissenschaft statt und in anderen Bereichen, so der französische Philosoph Gilles Deleuze in „Qu’est-ce que la philosophie?“. Was die Philosophie auszeichnet, ist nicht dieses herkömmliche Denken, das Festhalten an bestimmten, gewohnten Denkmustern, die sich in einem vorgefassten Rahmen bewegen! Für Deleuze ist das Philosophieren charakterisiert durch „Begriffe bilden“ – former, créer, fabriquer les concepts. In „Différence et répétition“ ergänzt er diese These mit dem „Bild des Denkens“: „Entsprechendes Denken“, das der Norm entspricht, ist zu unterscheiden von „angestoßenem Denken“. Erst wenn der denkende Mensch durch einen äußeren Impuls an die Grenze seines Denkens gelangt, so wird unser Denken weit, kreativ, dynamisch, mobilisiert… es ist ein Über-die-Normen-Hinausdenken. Das sind die Gedanken von Gilles Deleuze.

„Dem Denken sind keine Grenzen gesetzt. Man kann denken, wohin und soweit man will.“ Ernst Jandl

Das Zuviel-, das Zuwenig- und das Nichtdenken jedoch beurteilen zu wollen, so meine ich, ist noch weniger zu ertragen als zuviel, zuwenig oder nicht zu denken im Sinne von nicht reflektieren. Was Qualität im Leben hat, – und darum geht es uns ja eigentlich immer – , ist das Erleben – als Anstoß für das Denken, das „angestoßene Denken“. Es ist als Synthese mit dem Geistigen zu verstehen. Und es ist von unschätzbarem Wert!

09.04.2013