DIE DENKER

Kunst der Slums

Dass nachhaltige Multifunktionsbauten in Slums oder Katastrophengebieten in der zeitgenössische Kunst platz finden, zeigt die Architektin und Bildhauerin Marjetica Potrč.

Von Gastautorin Tamara

Zeitgenössische Kunst kann zuweilen manchen Zeitgenossen ein Rätsel aufgeben. Bei Ansammlungen von Materialien, die man eher mit Baumärkten und Elektrofachgeschäften assoziiert und weniger mit dekorativen Pretiosa, fragt mancher kunstinteressierte Mensch, was das alles bedeuten soll.

So geschehen ist es bei den Arbeiten der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrč, die auf internationalen Kunstschauen wie der Art Basel, der Venedig Biennale und im New Yorker Guggenheim Museum gezeigt wird.

Beispielsweise das in einer Berliner Galerie ausgestellte Objekt „Duncan Village Core Unit“ (siehe Bild) besteht zunächst aus vier schmalen Seiten mannshoher, unverspachtelter Ziegelmauern, einer grünen Tür und einem Wellblech als Dach dem Solarzellen aufgesetzt wurde.

Skulptur? Installation? Mixed Media?

„Participatory Design and Sustainable Solutions“

Was auf den ersten Blick wie ein visuell simples Konstrukt wirkt, entwickelt sich bei näherer Auseinandersetzung als intelligentes Architektur- und Stadtplanungsprojekt für Gegenden, die nicht oder kaum an großstädtische Infrastrukturen (Wasserleitungen, Abwasserleitungen, Stromversorgung) angeschlossen sind: sogenannte Informelle Städte.

„There are two urban forms in the global city that I consider to be most successful – after all, they are growing the fastest – namely gated communities and shanty towns.“ (Marjetica Potrč)

Marjetica Potrč entwirft nachhaltige Wohn- und Nutzbauten zum Beispiel für La Vega Barrio in Caracas, shanty towns in Südafrika oder das Amazonasgebiet in Brasilien.

In Slums von Caracas installierte sie 2003 das Projekt Dry Toilet, eine wasserlose Toilette, deren Design und Standort gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt wurde.

In Südafrika, in dem bis vor kurzem keine Sozialbauten existierten, realisierte Potrč in den letzten Jahren mit Core Units. hochfunktionale Wohneinheiten, die als Beispiel für eine dringend notwendige Kooperation zwischen Städteplannern und Siedlern stehen.

Im Amazonas entwickelte Potrč 2012 mit der ansässigen Bevölkerung einen Nutzbau der am Vormittag als Schule, am Nachmittag als Gemeindezentrum funktioniert. Die offene Struktur des Gebäudes ist angelehnt an traditionelle Bauweisen, bevor die Kolonialmächte Wände und Türen einführten.

Diese Architektur wird von den Einheimischen als „Power Kit“ erlebt: eine Quelle von Wissen, Kommunikation und Elektrizität.

Dass Potrč Objekte „im Feld“ realisiert und in White Cubes ausstellt, beschreibt die Erweiterung des zeitgenössischen Kunstbegriffs. In Potrčs Fall sind das die sozio-politischen Aspekte von Urbanismus und die Kritik an der heutigen Gesellschaftsordnung.

Weitere Infos: http://www.potrc.org oder bei Wikipedia

09.06.2012