Zum Thema

Freiheit

neu entdeckt bzw. erdacht:


 

PRO WENIGER STAAT/ANARCHISMUS/GEGEN BEVORMUNDUNG/PRO FREIHEIT

„[Unter den Zeitschriften und Zeitungen, in welchen einige meiner Essays später erschienen sind,] sind katholische, konservative, liberale, kapitalistische und sozialistische Meinungen vertreten. All diesen Kreisen bin ich Dank schuldig. - Doch am meisten freut es mich, dass in dieser Liste auch eine anarchistische Publikation enthalten ist. Unglücklicherweise hat sie ihr Erscheinen eingestellt, und das geschah nicht, weil sie dem Druck der Verfolgung weichen musste, sondern weil die geistige Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen der Freiheit des Individuums ständig größer wurde – ein anderes Beispiel für die zwar nicht bösartige, aber sinnlose Tyrannei, die in den integrierten modernen Massengesellschaften entsteht. Bei der Formulierung des Titels für dieses Buch, Freedom from Government, habe ich das hohe, aber zum Scheitern verurteilte Ziel der Anarchisten vor Augen gehabt. - Universität von Puerto Rico, Oktober 1962, Leopold Kohr“ (S. 9f)

„Die am vernünftigsten begründete Theorie vom Sozialkontrakt ist die von John Locke. Während Hobbes und Rousseau, der eine im Staat, der andere in der Gesellschaft, die Idee eines sterblichen Gottes vermitteln, vor dem jeder einzelne sich beugen muss, stellt sich Locke einen Staat vor, dessen gesetzgebende und verwalterische Gewalten auf den Zweck, Leben und Eigentum zu schützen, streng begrenzt bleiben. Denn es ist dieser Zweck, der anfangs zur Gründung einer Gemeinschaft geführt hat.“ (S. 17f)

PRO STAATSKONTROLLE/REVOLUTION/FREIHEIT

„Während also der Kontrakt [Sozialkontrakt bzw. Staat, Anm.] eine unauflösliche Gemeinschaft geschaffen hat, sind deren Vertretungen nicht unauflöslich. Sie können im Notfall durch eine Revolution beseitigt werden, wann immer sie dem Zweck zuwiderhandeln, für den freie Menschen übereingekommen sind, ihre Freiheit einzuschränken.“ (S. 18)

Die Seitenangabe(n) beziehen sich auf Kohr, Leopold (1965), Weniger Staat: Gegen die Übergriffe der Obrigkeit, Wien und Düsseldorf: Econ. Textstellentitel hinzugefügt von ob. Das Buch wurde Ende 2005 vom Radiosender Österreich 1 erwähnt und scheint auch anderen Indizien zufolge nachhaltig bekannt geworden zu sein, was auf eine gewisse Qualität schließen lässt.
 

 

Von Thomas Mann

"...mir selbst überlassen, sah ich, ..., wiederum eine längere Warte- und Mußezeit vor mir liegen, wie sie dem höheren Jüngling zu stillem Wachstum so willkommen, so notwendig ist. Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßigganges; man erringt sie nicht, man atmet sie ein; verborgene Werkzeuge sind ihretwegen Tätig, ein geheimer Fleiß der Sinne und des Geistes, welcher sich mit scheinbar völliger Tagdieberei gar wohl verträgt, wirbt stündlich um ihre Güter, und man kann wohl sagen, dass sie dem Erwählten im Schlafe anfliegt. Denn man muss freilich aus bildsamem Stoffe bestehen, um gebildet werden zu können. Niemand ergreift, was er nicht von Geburt besitzt, und was dir fremd ist, kannst du nicht begehren."

(Eine vieler gut getroffener Aussagen - scheinbar nicht umsonst ist im Vorwort die Meinung "Es gibt Stellen im Felix Krull, die Anwartschaft auf immerwährende Berühmtheit haben" zu lesen- Thomas Manns in "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"; die zitierte Textstelle ist nachlesbar auf den Seiten 59f bzw. im vierten Kapitel des "zweiten Buches" in der Ausgabe der "Fischer Bücherei" von 1970)
 

 

"Überwachung verlangsamt den gesellschaftlichen Fortschritt, weil dieser nur durch abweichendes Verhalten zustande kommt... Wenn man überwacht wird, verhält man sich so, wie man meint, dass man sich verhalten soll." (Frei nach einem in einer Radiosendung über neue Überwachungstendenzen - welche in der Sendung als ineffektiv in Sachen Sicherheit, kostspielig und außerdem bedenklich weil unter anderem an frühere Überwachungsstaaten erinnernd - oder 1984 von George Orwell, eig. Anm. - dargestellt wurden - auf Ö1 am 19.9.05 interviewten Mitarbeiter einer Datenschutzorganisation - dessen und deren Namen leider nicht zu notieren geschafft)


 

Freiheit aus biopsychologischer (humanethologischer) Sicht

Individuelles Lernen als evolutionäre Grundlage von Freiheit: Ein entscheidender Schritt zur Lockerung der Verbindung zwischen genetischen Determinanten und Verhalten ist Lernen. Der Vorteil des Lernens: Eine Anpassungsverbesserung durch Lernen erfolgt viel rascher als eine Veränderung des Verhaltens durch Mutation und Selektion. Lernen ist nur dann zweckmäßig, wenn es Leistungen gibt, die das Repertoire dessen, was gelernt wird, einengen. Sonst könnte auch vieles gelernt werden, was nicht zum Ziele führt. Man bewertet im allgemeinen nicht Fehllernen (z.B. Phobien, Zwänge), sondern nur zweckmäßiges Lernen als freiheitserweiternd. ... Die Lehrmeister Einsicht und Funktionslust beschränken den motorischen "Spielraum" zweckmäßig (Lorenz, 1973, 1978). Bemerkenswert ist ferner die Tatsache, daß gut eingeübte und energetisch günstige Bewegungen als harmonischer, schöner und nachahmenswerter empfunden werden als Willkürbewegungen des Anfängers. ... Aus der Sicht der Evolutionären Erkenntnistheorie erfährt die Denkfreiheit durch das Postulat der Wahrheitsähnlichkeit der Anschauungen (z.B. Riedl 1980) Einschränkungen. ... Um Mißbrauch von Erkenntnissen (z.B. in den Wissenschaften) zu vermeiden, sind Richtlinien für Beschränkungen der "freien" Anwendung nützlich: Im Prinzip gelten dieselben Einschränkungen wie bei der Frage, was bei "natürlichem" (angeborenem und gelerntem) menschlichen Verhalten "gut" oder "böse" ist. (Siehe hierzu bspw. Das sogenannte Böse von Konrad Lorenz, Anm.)

Aus: Biologie und Kultur. Zu den biologischen Bedingungen von Determination und Freiraum in der Kultur von Gerhard Medicus, erschienen in Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Zu Person und Werk von Ch. Sütterlin und F. Salter (Hrsg), 2001, ISBN 3361345410
 

 

schiller und freiheit

Freiheit, auch die Freiheit des Menschen von seiner eigenen Natur, war ihm das Höchste (Goethe sprach verächtlich vom »Evangelium der Freiheit«). Argwöhnisch verfolgte Schiller jede Instanz, die sich der Freiheit entgegenstellte, indem sie behauptete, von Natur aus da zu sein und deshalb unveränderlich, obwohl sie Menschenwerk war wie die Fürstenherrschaft seiner Zeit. Und in der Tat versucht jede Macht seit je von sich zu sagen, sie sei natürlich legitimiert. Eine solche »Naturalisierung« steckt auch noch in der Behauptung mancher Gentechniker, dass ihr Eingriff in das Erbgut keineswegs künstlich, sondern als Handeln der natürlichen Evolution zu verstehen sei, die sich der Forscher nur als Werkzeug bediene.

Zu den Vorzügen Schillers gehört, dass sich mit seiner Hilfe solche Manöver mühelos durchschauen lassen. Auch die Evolution, von der die Forscher reden, wäre für ihn nur eine Idee, und noch dazu eine Idee, die nur dazu diente, eine umstrittene Technik vor Kritik zu bewahren. Das versteckt Ideologische der Naturwissenschaften hat Schiller als junger Arzt zum ersten Mal auf einem Gebiet entlarvt, das heute wieder groß gefeiert wird: in der Neurophysiologie. Auch damals glaubten die Ärzte, sie könnten das Bewusstsein als bloßen Schaltvorgang zwischen Nervenzellen lokalisieren und die Menschheit damit von der Illusion der Willensfreiheit kurieren. Schiller hat in zwei (von drei) Dissertationen mit der materialistischen Annahme gekämpft, dass sich alles Seelische auf leibliche Vorgänge reduzieren ließe, bis ihm der rettende Gedanke kam, dass der Materialismus auf einem Selbstwiderspruch beruht. Denn der Materialismus müsste sich konsequenterweise seinerseits als Bewusstseinsinhalt deuten, dem nur eine Nervenreaktion zugrunde liegt und keine höhere Einsicht. Das aber hieß: Der Materialismus war nicht die Überwindung herkömmlicher Philosophie, sondern nur ein weiteres philosophisches System. Mit dieser bestechenden Schlaumeierei hatte sich Schiller ein großes Problem vom Hals geschafft und die Freiheit abermals gegen die Natur gerettet. Das wäre wenig mehr als Spiegelfechterei, wenn nicht bis heute der Versuch, Natur gegen Willensfreiheit und Selbstbestimmung auszuspielen, darauf zielte, den Menschen zur Unterwerfung unter die Verhältnisse zu zwingen.

Die sozialdemokratische Linke sprach einst von »Milieu«, wenn sie die Fesseln meinte, die den Menschen an seiner Entwicklung hindern. Schillers Ausdruck für das kulturell Bedingte war »Mode«. Die Fürstenherrschaft war für ihn Mode, die Kirche war Mode, alles Historische und Vergängliche war Mode. Gegen die Mode stellte er die Menschheit, das wahrhaft Unveränderliche, und zur Menschheit gehörte die Freiheit. Es ist wichtig, sich das Gegensatzpaar Mode/Menschheit zu merken, denn sein Begriff der Kultur als Mode bedeutete keine Aufwertung, sondern eine Abwertung der Kultur. Schiller hätte einer Durchsetzung universaler Menschenrechte gegen die kulturellen Sitten und Gebräuche einer Region unbedingt das Wort geredet. Die Kultur des Islams, die Herrschaft der Mullahs, überhaupt die Religion, das wäre für ihn alles Mode, ärgerlicher Krimskrams gewesen, der am Rock der Menschheit haftet und ihren Fortschritt hindert. Der Glaube war für ihn eine Borniertheit wie der Patriotismus in der Politik, und dieser Patriotismus geradezu ein Zeichen von Unterentwicklung. Er wünschte die Befreiung der Menschheit, nicht der Nation.

Die Gewalt freilich als Medium der Erlösung, wie sie in der Französischen Revolution auftrat, war ihm suspekt. Der Mensch, der sich äußerlich befreit, aber innerlich unfrei bleibt, wird nur eine neue Ordung der Unfreiheit errichten. Deshalb ruhte bei Schiller das ganze Emanzipationsprojekt auf Bildung und Erziehung – und das sollte die Kunst leisten. Darüber würde man heute lachen, wenn es nicht Schiller weniger um das einzelne Kunstwerk gegangen wäre als um die Erprobung dessen, was Musil den Möglichkeitssinn genannt hat, einen Denkraum jenseits der Nützlichkeit. Wahre Freiheit war nur in der Kunst, und von diesem Gedanken ging die spätere, die antiemanzipatorische Wirkung Schillers auf das deutsche Bürgertum aus, der Vorrang der inneren vor der äußeren Freiheit. Der politische Dichter wurde zum Dichter der unpolitischen Verweigerung.

Aus dem Artikel: Spieler mit Ideen - Von der Hirnforschung bis zum Streit der Kulturen - viele unserer Fragen hat Schiller schon gestellt von Jens J. in: Die Zeit, Ausgabe 2/2005


Zwischen Vernunft und Passion/Hingabe. Zwischen Pflicht und Freiheit. ("Slogan" zum/am Filmplakat von Film La herencia/Arven/The Inheritance von Per Fly, 2003, aus dem Spanischen von ob)

Alles Fühlende leidet an mir und ist in Gefängnissen: aber mein Wollen kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.
Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit - so lehrt sie euch Zarathustra.
Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen! ach, dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!
Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil Wille zur Zeugung in ihr ist.
Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu schaffen, wenn Götter - da wären!
(Kapitel: Auf den glückseligen Inseln; siehe auch: Gesammeltes/Anstößiges/Nietzsche)

"Das, um das er sich früher so gequält, was er in einem fort gesucht hatte, ein Lebensziel, das existierte jetzt für ihn nicht mehr. Nicht, daß etwa das gesuchte Lebensziel nur zufällig gerade jetzt nicht für ihn existiert hätte, nein, er fühlte, daß es überhaupt nicht existierte und nicht existieren konnte. Und gerade das gab ihm jenes volle, freudige Bewußtsein der Freiheit, das um diese Zeit sein Glück ausmachte. Er konnte kein Ziel haben, weil er jetzt den Glauben hatte, nicht den Glauben an irgendwelche Grundsätze oder Worte oder Gedankensysteme, aber an den lebendigen, immer erfühlbaren Gott. Früher hatte er ihn in Zielen gesucht, die er selbst sich gesetzt hatte. Dieses Suchen nach einem Ziel war nur ein Suchen nach Gott gewesen." (Pierre in Tolstoi´s Krieg und Frieden, entdeckt und notiert von cu)

Von MitdenkerInnen zu diesem Thema neu Erdachtes bzw. Entdecktes