Das Fragezeichen ist im
Originalbuchtitel nicht enthalten, aber ich finde es sollte dazugehören, da das
Buch diese Frage eher aufwirft als beantwortet! Also:
Trotzdem Ja zum Leben sagen?
Urteilen Sie selbst: (ob)
So war ich schon nahe daran, meinen armen, vom Alp geplagten Kameraden zu wecken. In diesem Augenblick war mir so ganz intensiv zu Bewusstsein gekommen, dass kein Traum, auch nicht der schrecklichste, so arg sein kann wie die Realität, die uns dort im Lager umgab und zu deren wach-bewusstem Erleben jemanden zu erwecken ich im Begriffe war... (53)
Das Allerschwerste aber, was mir bezüglich der Delirien je geschildert wurde, musste ein Kamerad erleben, der sich im Fleckfieber dem Tode nahe wusste und nun beten wollte - im Fieberdelir aber konnte er die Worte nicht finden... (62)
Man wird daher mit Recht Einwendungen erheben können und fragen: wo bleibt dann die menschliche Freiheit? Gibt es denn da keine geistige Freiheit des Sichverhaltens, der Einstellung zu den gegebenen Umweltbedingungen? Ist es wirklich so, dass der Mensch nichts weiter sei als ein Produkt vielfacher Bestimmtheiten und Bedingtheiten, seien sie nun biologisch gemeint oder psychologisch oder soziologisch? Ist der Mensch wirklich nicht mehr als das zufällige Resultat seiner leiblichen Konstitution, seiner charakterologischen Disposition und seiner gesellschaftlichen Situation? Und, im besonderen: zeigt sich an den seelischen Reaktionen des Menschen auf die besondere, sozial bedingte Umwelt des Lagerlebens tatsächlich, dass er den Einflüssen dieser Daseinsform, denen er gezwungenermaßen unterstellt ist, sich gar nicht entziehen kann? Dass er diesen Einflüssen unterliegen muss? (107)
Die psychologische Beobachtung an den Lagerhäftlingen hat vor allem ergeben, dass nur derjenige in seiner Charakterentwicklung den Einflüssen der Lagerwelt verfällt, der sich zuvor geistig und menschlich eben fallen gelassen hat; fallen ließ sich aber nur derjenige, der keinen inneren Halt mehr besaß! Worin hätte nun solch ein innerer Halt bestehen sollen und können? Dies ist jetzt unsere Frage. (114)
...mit dem Ende der Ungewissheit kam auch schon - die
Ungewissheit des Endes. Es war nicht abzusehen, ob überhaupt und, wenn ja, wann
diese Daseinsform ihr Ende finden würde.
Das lateinische Wort "finis" hat bekanntlich zwei Bedeutungen: Ende -
und Ziel. Ein Mensch nun, der nicht das Ende einer (provisorischen) Daseinsform
abzusehen imstande ist, vermag auch nicht, auf ein Ziel hin zu leben. Er kann
nicht mehr, wie der Mensch im normalen (????, Anm. ha) Dasein, auf die Zukunft
hin existieren. ... Es kommt zu inneren Verfallserscheinungen, wie wir sie von
anderen Lebensgebieten her bereits kennen. In einer ähnlichen psychologischen
Situation befindet sich nämlich z.B. der Arbeitslose; (115)
Die innere Lebensform im Konzentrationslager wird so für den Menschen, der sich menschlich fallen lässt, weil er keinen Halt mehr an einem Zielpunkt in der Zukunft findet, zu einer retrospektiven Daseinsweise. [...] Die Tendenz zur Rückwendung auf die Vergangenheit [...] dient der Entwertung der Gegenwart, samt deren Schrecken. Die Entwertung der Gegenwart, der umgebenden Wirklichkeit, birgt aber eine gewisse Gefahr in sich. Werden doch die Ansatzmöglichkeiten einer Wirklichkeitsgestaltung, [...], dann leicht übersehen. Die totale Entwertung der Realität [...] verführt einen vollends dazu, sich gehen zu lassen, sich fallen zu lassen- da ja ohnedies "alles zwecklos" sei. Solche Menschen vergessen, dass oft gerade eine außergewöhnlich schwierige äußere Situation dem Menschen Gelegenheit gibt, innerlich über sich selbst hinauszuwachsen. [Anstatt dies zu versuchen], nehmen sie das gegenwärtige Dasein nicht ernst, sie entwerten es zu etwas Uneigentlichem, vor dem man sich am besten verschließt, indem man sich nur mehr mit dem vergangenen Leben abgibt. Das Leben solcher Menschen versandet dann [...]. [...] für uns Mittelmäßige und für uns Laue, galt das Mahnwort von Bismarck, der einmal sagte: Im Leben geht es einem so wie beim Zahnarzt: immer glaubt man, das Eigentliche kommt erst, und inzwischen ist es schon vorbei. [...] ein Vegetieren, so wie Tausende von Häftlingen, oder aber, so wie die Seltenen und Wenigen, ein inneres Siegen. (118)
Dem Menschen ist es nun einmal eigen, nur unter dem Gesichtswinkel einer Zukunft, also irgendwie sub specie aeternitatis, eigentlich existieren zu können. Zu diesem Gesichtspunkt der Zukunft nimmt er daher in schwierigsten Augenblicken seines Daseins auch immer wieder Zuflucht. (119)
Eine Gemütsregung, die ein Leiden ist, hört auf, ein Leiden zu sein, sobald wir uns von ihr eine klare und deutliche Vorstellung bilden. (Spinoza, Ethik, 5. Teil, "Über die Macht des Geistes oder die menschliche Freiheit", Satz 3) (120)
"Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes
Wie." (Nietzsche)
Wehe dem, der kein Lebensziel mehr hatte, in seinem Leben keinen Zweck
erblickte, dem der Sinn seines Daseins entschwand - und damit jedweder Sinn
eines Durchhaltens. Solche Leute, die auf diese Weise völlig haltlos geworden
waren, ließen sich alsbald fallen. (124)
...dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu
erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet! ...
dass wir nicht mehr einfach nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern dass wir
uns selbsrt als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich
und stündlich Fragen stellt - Fragen die wir zu beantworten haben, indem wir
nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein
richtiges Verhalten, die rechte Antwort geben.
...das Leben, wie es hier gemeint ist, ist nichts Vages, sondern jeweils etwas
Konkretes, und so sind auch die Forderungen des Lebens an uns jeweils ganz
konkrete. Diese Konkretheit bringt das Schicksal des Menschen mit sich, das für
jeden ein einmaliges und einzigartiges ist....Bald verlangt seine konkrete
Situation von ihm, dass er handle, sein Schicksal also tätig zu gestalten
versuche, bald wieder, dass er von einer Gelgenheit Gebrauch mache, erlebend
(etwa genießend) Wertmöglichkeiten zu verwirklichen, bald wieder, dass er das
Schicksal eben schlicht auf sich nehme. (125)
Sofern nun das konkrete Schicksal dem Menschen ein Leid
auferlegt, wird er auch in diesem Leid eine Aufgabe, und ebenfalls eine ganz
einmalige Aufgabe, sehen müssen. Der Mensch muss sich auch dem Leid gegenüber
zu dem Bewußtsein durchringen, dass er mit diesem leidvollen Schicksal
sozusagen im ganzen Kosmos einmalig und einzigartig dasteht. Niemand kann es ihm
abnehmen, niemand kann an seiner Stelle dieses Leid durchleiden. Darin aber, wie
er selbst, der von diesem Schicksal Betroffene, dieses Leid trägt, darin liegt
auch die einmalige Möglichkeit zu einer einzigartigen Leistung. (126)
"Wieviel ist aufzuleiden!" Wie man von "aufarbeiten"
spricht, so spricht hier Rilke von "aufleiden"... (127)
...jene Einmaligkeit und Einzigartigkeit, die jeden einzelnen Menschen
auszeichnet und jedem einzelnen Dasein erst Sinn verleiht, kommt also sowohl in
bezug auf ein Werk oder eine schöpferische Leistung zur Geltung, als auch in
bezug auf einen anderen Menschen und dessen Liebe. Diese Unvertretbarkeit und
Unersetzlichkeit jeder einzelnen Person ist jedoch das, was - zu Bewußtsein
gebracht - die Verantwortung, die der Mensch für sein Leben und Weiterleben
trägt, so recht in ihrer ganzen Größe aufleuchten lässt. Ein Mensch, der
sich dieser Verantwortung bewußt geworden ist, die er gegenüber dem auf ihn
wartenden Werk oder einem auf ihn wartenden liebenden Menschen hat, ein solcher
Mensch wird nie imstande sein, sein Leben hinzuwerfen. (129)
Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist.
(139)
"Aus der Enge rief ich den Herrn, und er antwortete mir im freien
Raum." (143)
...hier, im Erlebnis der Enttäuschung, ist es das Schicksal, dem gegenüber der
Mensch sich ausgeliefert fühlt; der Mensch nämlich, der nun durch Jahre
geglaubt hat, den Tiefpunkt möglichen Leidens erreicht zu haben, jetzt aber
feststellen muss, dass das Leid irgendwie bodenlos ist, dass es anscheinend
keinen absoluten Tiefpunkt gibt: dass es mit einem immer noch tiefer, noch immer
bergab gehen kann...
Alle im Lager wußten es und sagten es einander: es gibt kein Glück auf Erden,
das je wiedergutmachen könnte, was wir erleiden. Um Glück war es uns auch nie
zu tun - was uns aufrecht hielt, was unserem Leiden und Opfern und Sterben Sinn
geben konnte, war nicht Glück. Trotzdem: auf Unglück - darauf war man kaum
gefaßt. (147)
Gekrönt wird aber all dieses Erleben des heimfindenden Menschen von dem
köstlichen Gefühl, nach all dem Erlittenen nichts mehr auf der Welt fürchten
zu müssen - außer seinen Gott. (148)
Auszüge aus: Synchronisation in Birkenwald (Frankl)
Sokrates: Wir wissen nur kaum, was wir spielen. Nicht
einmal, was wir spielen. Wir kennen nur ungenau unsere rolle. Wir sind froh,
wenn wir den text ahnen, den wir zu sprechen haben.
Kant: und achten, soweit es geht, auf den souffleur: die stimme des gewissens.
(173)
Kant: stehen sie das erste mal auf einer bühne, liebe frau?
Mutter: ja, mein herr.
Kant: dann sagen sie mir einmal, was sie da sehen - hier (weist in den
zuschauerraum).
Mutter (blinzelnd): ich sehe nichts, die lampen blenden mich - ich sehe ein
großes schwarzes loch. (174)
Kant:...niemand glaubt mir mehr, dass der mensch stärker sein kann als die natur, seine eigene natur inbegriffen. Man nennt mich allgemein einen idealisten, ja sogar den begründer des idealismus. Ich bin realist, meine herren, glauben sie mir... (179)
Ernst: ich sag was ich sag, und ich weiß was ich sag.
Aber ich geb zu, es ist komisch - zu wissen: jetzt bin ich, und morgen bin ich
nicht. Oder wo bin ich morgen?
Spinoza: solang die da unter "wo" einen ort im dreidimensionalen raum
verstehen, werden sie nicht klug werden und ist ihnen nicht zu helfen.
Kant: und ich behaupte, es ist besser, sie wissen nicht alles. Wüßten sie
alles, dann müßten sie sich nciht erst entscheiden für das scheinbar
sinnlose, eben für das, was nur irgendwo ist, aber nie hier oder dort - wo sie
es sehen und greifen könnten. (187)
Kant: was die leute hier hören und sehen, kann nur
theatralische "erscheinung" sein. Denn würden wir ihnen die wahrheit
"an sich" zeigen, dann würde ihnen hören und sehen vergehen -
glauben sie mir das, lieber baruch.
Spinoza: ich muss glauben. (198)
Viktor E. Frankl in: ...trotzdem Ja zum Leben sagen (Angebot: Buch)